„Wir haben ausreichend Bewerber für all unsere Fahrschulplätze“

Petra Hums ist seit Jahresbeginn 2022 Mitglied der Geschäftsführung der Wiener Linien und als CFO für die Bereiche Finanzen, Recht, Personal und IT verantwortlich; Foto: Wiener Linien / Luiza Puiu

In der deutschen Nahverkehrsbranche ist die Personalknappheit ein dominierendes Thema. Vor allem Fahrpersonal wird händeringend gesucht – gefordert werden daher bereits etwa Ausbildungserleichterungen, auch für fremdsprachige Anwärter. Ein Blick nach Österreich, zu den Wiener Linien, zeigt bei der Personalgewinnung ein anderes Bild. Was das Wiener Verkehrsunternehmen womöglich anders macht als mancher ÖPNV-Anbieter auch in Deutschland, darüber sprach NaNa-Brief-Redakteur Dominik Heuel mit Petra Hums, die als Geschäftsführerin neben dem Finanzressort unter anderem das Personalwesen und die IT des österreichischen ÖPNV-Riesen verantwortet. Einen deutlichen Schwerpunkt setzt Hums im Recruiting auch durch Digitalisierung.

NaNa-Brief: Deutsche Verkehrsunternehmen warnen derzeit nicht selten vor möglichen Angebotseinschränkungen, sollte sich die Mangellage beim Fahrpersonal nicht entspannen. Viele Anbieter finden oftmals nicht genügend Mitarbeiter. Gilt das gleiche bei Ihnen, den Wiener Linien, im Bereich Busfahrer, Straßenbahn- oder U-Bahn-Lenker?

Petra Hums: Nein, wir sind derzeit in der glücklichen Lage, dass wir ausreichend Bewerbungen haben und all unsere Fahrschulplätze im ersten Quartal bereits belegt sind. Wir können momentan unsere Ausbildungsplatz-Kapazität voll ausschöpfen – und sind guter Dinge, dass das auch so bleibt.

NaNa-Brief: War die Situation zuletzt konstant so?

Hums: Bis vor rund zwei Jahren sah es auch bei uns noch deutlich schlechter aus, und es gab zu wenig Bewerber*innen. In einem sehr geringen Ausmaß haben wir das Angebot angepasst – bei der U-Bahn gar nicht, in geringem Umfang bei der Straßenbahn, und im Busbereich haben wir die Intervalle leicht gedehnt, im Schnitt um 30 Sekunden, dies allerdings auch nur in der Nebenverkehrszeit.

Seither haben wir viele Maßnahmen zur Fahrpersonalgewinnung gesetzt und sind längst zur ursprünglichen Taktung zurückgekehrt. Das werden wir auch in der nächsten Zeit beibehalten können. Vielleicht zur Verdeutlichung: Im letzten Jahr hatten die Wiener Linien – natürlich nicht nur im Bereich Bahn oder Bus – insgesamt 75.000 Bewerber*innen.

NaNa-Brief: Was machen Sie anders als viele Branchenakteure? Wie reagieren Sie beispielsweise darauf, dass das Berufsbild des Fahrpersonals unter dem Gesichtspunkt des Schichtdienstes als unattraktiv gilt?

Hums: Tatsächlich ist es für viele Bewerber*innen ein limitierender Faktor, dass Straßenbahn-, Bus- oder U-Bahnfahrer rund um die Uhr einsetzbar sein müssen, weil wir nun einmal auch zu Nachtzeiten unsere Dienstleistungen anbieten. Dazu müssen die Menschen also bereit sein. Wir setzen hier Maßnahmen, um das Berufsbild dennoch attraktiver zu machen. Die Entlohnung wurde zuletzt verbessert, es gibt mehr Zulagen.

NaNa-Brief: In diesem Punkt befinden sich viele Unternehmen insofern in der Klemme, als eine attraktivere Gestaltung der Arbeitszeiten wieder zu neuem Personalbedarf führt, der zurzeit für viele nicht zu decken ist …

Hums: Bei uns ist die Anpassung glücklicherweise gelungen, wir werden die Arbeitszeit im Fahrdienst verkürzen und machen sie zumindest etwas familienfreundlicher. Das wird ab dem nächsten Jahr greifen. Generell versuchen wir zudem, etwa Mitarbeiter*innen auf Bahnhöfen einzusetzen, die in der Nähe ihres Wohnortes liegen und ermöglichen, dass sie sich Dienste einteilen oder diese leichter tauschen können. Veränderungen bei den Dienstzeiten und Zulagen sind für mich der bessere Weg, als etwa mit der Gießkanne über alle hinweg die Entlohnung zu erhöhen. Letztlich lösen können wir uns natürlich nicht von einer Schicht- und der Wochenend- und Feiertagsarbeit.

NaNa-Brief: Aus deutscher Warte blickt man etwas neidisch auf teils deutlich geringere Kosten für den Busführerschein der Klasse D in Österreich als in Deutschland, wo es auch mal in den zweistelligen Tausend-Euro-Bereich gehen kann. Sehen Sie hier einen strukturellen Vorteil in Österreich?

Hums: Solch hohe Kosten können natürlich ein Hindernis sein für Personen, die privat einen Führerschein machen wollen. In Österreich herrschen deutlich niedrigere Preise, und es gibt durchaus auch Bewerber*innen, die schon mit einem Führerschein der Klasse D zu uns kommen. Das ist ja bei den genannten teils hohen Summen kaum möglich, wohl niemand würde das von sich aus vorfinanzieren.

Vielleicht an dieser Stelle: Wir haben 2024 eine Aktion gestartet, die wir den „D Schein-Tausender“ genannt haben. Wenn sich Buslenker*innen beworben haben, die schon über einen Bus-Schein verfügten, haben sie von uns eine Prämie von 1.000 Euro erhalten, als kleinen Anreiz auch mit Blick darauf, dass wir sie nicht mehr ausbilden müssen.

Diese Bewerber*innen sind uns natürlich sehr willkommen, da uns die Ausbildung, die wir ansonsten inhouse durchführen, auch viel Zeit kostet. Außerdem kennen diese Personen, da sie häufig schon an anderer Stelle Bus gefahren sind, die Anforderung und können verlässlicher einschätzen, worauf sie sich – etwa mit Blick auf den Schichtbetrieb – einlassen.

NaNa-Brief: Ist in Österreich oder konkret bei Ihnen im Unternehmen die Ausbildung effizienter und moderner ausgestaltet? In Deutschland laufen beispielsweise erst Bestrebungen für mehr E-Learning.

Hums: Wir haben die Ausbildung bereits stark angepasst. Die jüngere Generation, die zu uns kommt, ist deutlich affiner für E-Learning und ähnliche Dinge. Darauf haben wir reagiert, auch mit Blick auf einen vermehrt modularen Aufbau der Ausbildung. Und wir haben viel in neue Ausbildungsstätten investiert, das hat unsere Ausbildungszahlen stark nach oben gebracht.

NaNa-Brief: Branchen-Akteure fordern für die Führerschein- als auch für die Berufskraftfahrerausbildung, Prüfungen vermehrt auch in anderen Sprachen anzubieten, um Zuwanderer besser ansprechen zu können …

Hums: Bei den Wiener Linien findet die Ausbildung in Deutsch statt. Was wir allerdings Zugewanderten teils anbieten, ist, dass wir Sprach-Module vorschalten und so das Sprachniveau bei den Kolleg*innen anheben, damit wir dann in der Ausbildung bei der deutschen Sprache bleiben können. Ich denke, ein Unternehmen wie das unsere braucht eine einheitliche Sprache, in der insbesondere auch über Funk kommuniziert wird. Was wir aber schon angeboten haben, ist, Ausbildungsunterlagen in der jeweiligen Muttersprache bereitzustellen, damit Anwärter die Inhalte besser nachlesen oder sich vorbereiten können.

NaNa-Brief: In welcher Hinsicht haben Sie auch das Recruiting selbst modernisiert?

Hums: Wir setzen mittlerweile stark auch auf Recruiting-Events. Dabei werden Interessierte bereits im Vorfeld einer konkreten Bewerbung etwa in unsere Werkstätten eingeladen. Facharbeiterinnen oder Werkmeister können dann direkt einen anschaulichen Einblick in den künftigen Aufgabenbereich geben. Auch Zeit-Slots sind dafür buchbar, um vor Ort ein Bewerbungsgespräch zu führen und Bewerbungsunterlagen auch gleich einzureichen. In einem Fall haben wir auch ein Nacht-Recruiting angeboten – speziell für Jobs, bei denen eben auch nachts gearbeitet wird. Ich bin überzeugt, dass diese Angebote ein wesentlicher Grund sind, warum wir so viele Bewerbungen erhalten. Nicht zu unterschätzen ist auch die mediale Aufmerksamkeit, die die Ankündigungen solcher Events bringen.

NaNa-Brief: Sie setzen im Recruiting zudem verstärkt auf Digitalisierung …

Hums: Richtig, bei den Wiener Linien nutzen wir digitale Tools in der Personalgewinnung. Dazu zählt beispielsweise die App Jobtreffer, die einen digitalen Fragebogen bereitstellt, über den sich neben beispielsweise Arbeitszeit-Themen auch arbeitskulturelle oder Team-Aspekte abfragen lassen. Dieses Tool setzen wir derzeit bei der Gewinnung von Straßenbahnfahrer*innen ein, weil wir vor allem dort die Erfahrung gemacht haben, dass sich die Erwartungshaltung der Anwärter häufig nicht mit den tatsächlichen Job-Anforderungen deckt. Mit gezielten Fragen können wir die nötige ‚Awareness‘ schaffen.

Eine weitere App, die wir nutzen, nennt sich ‚Jobheld‘. Hier geht es um den einfachen, digitalen Bewerbungskanal. Inserate werden über Social Media ausgespielt. Interessierte gelangen dann direkt auf eine Landingpage, wo sie sich über einen Chatbot vorinformieren und dann bewerben können. Auf diesem Wege suchen wir derzeit vor allem nach Controllern und Facharbeiter*innen.

NaNa-Brief: Sie stellen sich in der Bewerber-Ansprache also klar auf die Gewohnheiten junger Leute ein …

Hums: Die jüngere Generation ist einfach an Kurzvideos und ähnliches im Social Web gewöhnt. Das nutzen auch wir, weil unsere zukünftigen Mitarbeitenden auf diesen Kanälen unterwegs sind. Zur Umsetzung verwenden wir im Videobereich die App Mozaik, mit deren Hilfe sich bei geringem Aufwand professionelle Videos erstellen lassen. Also: Wir machen im Social Media-Bereich Marketing und Image-Werbung – aber eben auch die Jobs, die wir ausschreiben, sind auf all diesen Medien präsent. Da liegt es auf der Hand, sich dort auch gleich zu bewerben.

NaNa-Brief: Welche Learnings konnten Sie bislang aus ihrem digital gestützten Recruiting ziehen?

Hums: Im Bereich Social Media-Ads haben wir festgestellt, dass sie umso wirkungsvoller sind, je spezifischer sie eingesetzt werden. In einem Zuge alle Jobs zu bewerben, das funktioniert nicht. Wir gehen da mittlerweile sehr konkret heran, zum Beispiel mit Stellen im Bereich Mechatronik oder Gleisbau.

Auch der Stil verändert sich natürlich, wir bewerben bestimmte Sujets mit durchaus knackigen Slogans. Effektvoll ist auch, wenn sich eigene Mitarbeiter*innen präsentieren. Und mir persönlich ist außerdem sehr wichtig, Frauen – jüngere wie ältere – über diese Kanäle auf Themen und Berufsbilder aufmerksam zu machen, die womöglich noch als Männerdomäne gelten.

NaNa-Brief: Was sind Botschaften, die man als ÖPNV-Anbieter typischerweise medial transportieren kann?

Hums: Zum einen glauben wir, dass das Thema Job-Sicherheit den Menschen auf den Nägeln brennt. Das zeigen auch Umfragen unter Jugendlichen oder jungen Erwachsenen. Wir sind kein öffentlicher Dienst, aber ich meine, dass wir beispielsweise in der Corona-Zeit Verlässlichkeit bewiesen haben, indem wir an allen Mitarbeiter*innen festhielten. Und wir können auf gute Weiterentwicklungsmöglichkeiten verweisen. Es gibt zahlreiche Kolleg*innen, die bei uns im Fahrdienst oder als Lehrling begonnen und über die Jahre einen durchaus steilen Karriereweg durchlaufen haben. Auch das stellen wir medial heraus.

NaNa-Brief: Kann man die jüngere Generation auch damit ansprechen, dass ÖPNV-Mitarbeiter eine gesellschaftlich wichtige Aufgabe erfüllen?

Hums: Der Begriff Daseinsvorsorge klingt sicherlich für jüngere Kandidat*innen etwas sperrig. Aber es ist durchaus ein Punkt zu zeigen, dass unsere Mitarbeitenden etwas Sinnvolles tun, dass sie Mobilität in der Stadt ermöglichen, ‚Enabler‘ dafür sind. Gleiches gilt für die Themen Umwelt und Nachhaltigkeit, die ja für die Jüngeren immer wichtiger sind und die wir daher medial durchaus auch transportieren.

NaNa-Brief: Frau Hums, vielen Dank für das Gespräch. (dhe)

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